Wie beginnen?

Bei meiner letzen Kräuterwanderung wurde ich gefragt, wie ich mir mein ganzes Wissen angeeignet habe. Ehrlich gesagt konnte ich diese Frage nicht so einfach aus dem Stegreif beantworten.

 

Vor allem hätte ich an dieser Stelle an einem ganz anderen Punkt ansetzen müssen: Je mehr man lernt und weiß, desto mehr wird einem bewusst, wie wenig man eigentlich weiß - frei nach Sokrates. Während meines Studiums wurde mir zunehmend bewusst, wie viele Verwechslungsmöglichkeiten es tatsächlich gibt bzw. welche vermeintliche Pflanzenart eigentlich kaum bestimmbar ist, weil es unendlich viele Arten gibt, die fast identisch mit der gesuchten sind. Und dann gibt es auch noch zig Unterarten, Varietäten, Formen und was sonst noch alles. Nach einem zweiwöchigen Intensiv-Pilzkurs auf der Uni traute ich mich nicht einmal mehr Eierschwammerl zu sammeln. (Wobei die Pilzsoße aus 82 verschiedenen Pilzarten, die während des Kurses gesammelt wurden, nicht zu verachten war.)

 

Viele Pflanzen und Pilze lassen sich erst unter dem Mikroskop oder Okular einwandfrei bestimmen. In der klassischen Botanik neigt man dazu, alles bis ins letzte Detail zu zerlegen. Durch den Vormarsch der genetischen Bestimmungsmethoden sowie der Phytochemie wird das althergebrachte Klassifizierungssystem, also die Einordnung in das individuelle Verwandtschaftsverhältnis einzelner Arten, auf den Kopf gestellt. Dies bringt zwar einen frischen Wind in die eingestaubte Botanik, das Grundmuster bleibt aber das selbe: Alles wird in seine kleinsten Bestandteile zerlegt, immer feiner, bis man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht - oder viel eher die Wiese vor lauter Grashalmen.

 

Was also tun, wenn man keine 5 Jahre Studium hinter sich bringen möchte oder kann, um eine (gefühlte) Handvoll Wildkräuter sicher bestimmen zu können?

Zuerst einmal: Nicht entmutigen lassen! In Österreich gibt es rund 3000 Pflanzenarten. Da passiert es leicht dass einem ein Kräutlein unterkommt, welches man noch nie gesehen hat. Es ist noch kein Pflanzen-Experte vom Himmel gefallen. Wer immer wissbegierig und neugierig bleibt, kann sich nach und nach einen Grundstock an Kräuter-Wissen aufbauen und diesen erweitern. Grundsätzlich ist es sinnvoller, sich mit wenigen Pflanzen eingehender zu befassen, als mit vielen nur oberflächlich - Qualität statt Quantität.

 

Wiederholung: Wie bei allem anderen, das man sich aneignet, kann man seine Kenntnis nur verinnerlichen, wenn man sich das Gelernte immer wieder vor Augen führt. Durch die jahreszeitlich bedingten Veränderungen und die zyklisch wiederkehrende Vegetation bietet es sich an, das Pflanzenwissen vom Vorjahr zu vertiefen.

 

Die Pflanze kennenlernen: Wenn man sich auf eine Wanderung oder einen Spaziergang begibt, ist man ein Gast in ungewohnter Umgebung, um nicht zu sagen einE FremdeR - überhaupt, wenn man die Strecke nicht gut kennt. Hier kann es gut sein, dass einem eigentlich bekannte Pflanzen fremd vorkommen und man sich plötzlich nicht mehr sicher ist. Vertraute Umgebung bietet hingegen die notwendige Sicherheit. Wer also einen Garten oder ein Balkonkisterl hat, kann sich kleine Mengen verschiedener (Wild-)Kräuter in sein Reich holen und diese verarbeiten. Hat man beides nicht, kann man einzelne Pflänzchen in Töpfe setzen. Dies reicht zwar womöglich nicht, um größere Mengen zu bekommen, man kann das Kräutlein aber gut in allen Lebensphasen beobachten. (Bitte immer darauf achten, keine gefährdeten Pflanzen abzupflücken oder auszureißen!)

 

Use it or lose it: Was für Muskeln gilt, das trifft auch auf Pflanzenkenntnisse zu. Gerade für (angehende) Wildkräuter-Kundige bietet es sich an, von der Theorie in die Praxis überzugehen, indem man die (sicher bestimmte) Pflanze verarbeitet. Das macht nicht nur Spaß und stolz auf das selber hergestellte Produkt, das Zerlegen des Krautes in seine Einzelteile und das Wahrnehmen des Geruchs macht einen auch mit der Pflanze vertraut. Zudem kann man sich Dinge besser merken, die mit freudigen und positiven Dingen verknüpft werden.

 

Sicherheit geht vor: Vor allem, wenn man Pflanzen verarbeiten oder direkt essen möchte, sollte man sich absolut sicher sein, dass das gefundene Kräutlein auch wirklich jenes ist, was man gesucht hat. Aber was tun, wenn man sich eben nicht sicher ist? Wer sich viel mit Pflanzenbestimmung befasst, kommt nicht umhin, eine Exkursionsflora zu Rate zu ziehen. Für Österreich gibt es ein Standardwerk, das so ziemlich alle BotanikerInnen verwenden.

Die andere Möglichkeit ist, einen Pflanzen-Experten zu Rate zu ziehen. Diese findet man z.B. an den botanischen Instituten diverser Universitäten. Dort gibt es auch Pilzberatungsstellen, bei denen man die gesammelten Pilze begutachten lassen kann. Auch viele Hobby-BotanikerInnen können einem bei der Bestimmung weiterhelfen.

Vorsicht bei Internet-Bestimmungen! Ich lese bei einigen Pflanzenbestimmungs- bzw. Heilkräuter-Gruppen mit und bin entsetzt, wie zahlreich falsche Bestimmungen getätigt werden, ohne dass die betreffende Person darauf hinweist, dass sie sich eventuell nicht sicher ist. Und oft werden dann diese Falschaussagen von anderen Usern bestätigt, was es teilweise fast unmöglich macht, diese richtig zu stellen. Im Endeffekt kann man sich solche Gruppen zu Nutze machen, um sich Tipps zu holen, um welche Pflanze es sich handeln könnte. Verlassen darf man sich auf diese Bestimmungen aber keinesfalls - zumal die betreffenden Fotos oft relativ schlecht sind.